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Interview aktuell   (aus "Meine Welt", II/2004)
GandhiServe Stiftung - Peter Rühe
Auf den Spuren von Mahatma Gandhi

Frau Dr. Sushila Gosalia im Gespräch mit Herrn Peter Rühe, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden der GandhiServe Stiftung in Berlin.

Peter Rühe wurde 1957 in Berlin geboren. Noch während seiner beruflichen Tätigkeit als Programmierer an der Technischen Universität von 1979 bis 1998 begann er sich für die Verbreitung der Lehren Gandhis im Rahmen des von ihm 1983 gegründeten Gandhi-Informations-Zentrum e.V. zu engagieren. Er spezialisierte sich auf die Sammlung und Konservierung von visuellen Materialien über Gandhi. Peter Rühe hat Ausstellungen und Multimedia-Events in vielen Ländern präsentiert und an zahlreichen TV-Produktionen über Gandhi mitgearbeitet. Seine Bildbiographie Gandhi erschien 2001 im Phaidon-Verlag, London/New York. In der Folge des Erdbebens in Gujarat im Jahr 2001 rief Herr Rühe gemeinsam mit der Famile Gandhis und indischen Sozialarbeitern eine Hilfskampagne ins Leben. Für seine Arbeit erhielt Peter Rühe mehrere Auszeichnungen in Indien. Die 2002 von ihm gegründete GandhiServe Stiftung präsentiert im Internet unter www.gandhiserve.org das umfangreichste E-Archiv mit Fotos, Filmen, Texten und Informationen über das Leben und Wirken von Mahatma Gandhi.

Gosalia: Herr Rühe, Sie engagieren sich seit über 20 Jahren unermüdlich für die Verbreitung der Konzepte und Visionen von Mahatma Gandhi. Sie präsentieren Ausstellungen und Multimedia-Events über Gandhis Leben nicht nur in Deutschland, sondern auch in Israel, England, Österreich, Indien und anderswo. Sie organisieren Gruppenreisen nach Indien und Südafrika unter dem Motto: "Auf den Spuren von Mahatma Gandhi". Gehört das alles zu den Aktivitäten der GandhiServe Stiftung?

Rühe: Sofern die Aktivitäten satzungskonform sind, werden sie von der Stiftung getragen. Bei den Reisen haben wir lediglich an der Ausarbeitung des Konzepts mitgearbeitet. Reiseleiter- und auch Autorentätigkeiten sind nicht Bestandteil der Stiftungsarbeit. Nachdem ich im Jahr 1993 das Gandhi-Informations-Zentrum verlassen hatte, konzentrierte ich mich zunächst auf die Konservierung und Archivierung der beiden umfangreichsten Fotosammlungen von Mahatma Gandhi und der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Kopien dieser Sammlungen sind 2002 der neu gegründeten GandhiServe Stiftung übereignet worden. Von insgesamt 10.000 Motiven sind bislang etwa 1.500 digitalisiert und stehen auf unserer Website für den privaten und gewerblichen Gebrauch zur Verfügung. Die Archivarbeit soll nun im Rahmen der Stiftung fortgeführt werden. Die bisher gestellten Fördermittelanträge wurden jedoch abgelehnt.

Gosalia: Wie finanzieren Sie Ihre Aktivitäten? Wer sind die Träger Ihrer Stiftung? Wieviele Mitarbeiter haben Sie im Stiftungsvorstand, -kuratorium, -beirat? Engagieren Sie sich jetzt ausschliesslich für die Stiftung oder haben Sie noch andere berufliche Verpflichtungen?

Rühe: Die Stiftung finanziert sich über die Lizensierung von Fotos von Mahatma Gandhi, Spenden und Projektmittel. Das einzige Organ der Stiftung, der Vorstand, besteht aus drei Mitgliedern. Mit zunehmenden Stiftungsaktivitäten soll dieser jedoch erweitert werden. Insbesondere in Hinblick auf die Realisierung unseres Traums, ein Zentrum für Frieden und Gewaltfreiheit in Berlin aufzubauen, werden wir in absehbarer Zeit auch einen Stiftungsbeirat gründen.
Da das Engagement für die Stiftung ehrenamtlich ist, arbeite ich als Buchautor und Berater bei TV- und anderen Produktionen über Gandhi.

Gosalia: Worin bestehen die Hauptaufgaben der GandhiServe Stiftung? Werden auch spezielle Forschungsvorhaben durch die Stiftung gefördert?

Rühe: Zweck der Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie Bildung und Erziehung. Das wird verwirklicht insbesondere durch die Durchführung von Forschungsvorhaben auf dem Gebiet der Identifizierung und Konservierung von Originaldokumenten von und über Mahatma Gandhi. Da wir selbst für unsere Forschungsvorhaben auf Fördermittel angewiesen sind, arbeiten wir momentan rein operativ, möchten aber in Zukunft - wenn es die finanzielle Situation erlaubt - auch fördernd tätig werden.
Desweiteren führen wir Bildungsvorhaben durch, die der Verbreitung des Friedens und der Ethik der Gewaltfreiheit dienen sowie der Erinnerung an Mahatma Gandhi und seine Lehre. Im Jahr 2003 haben wir in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen im Rahmen der Asien-Pazifik Wochen eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe im Berliner Rathaus durchgeführt unter dem Titel Frieden schaffen ohne Gewalt - Gandhi, King, Ikeda. Die Festveranstaltungen, Vorträge und Seminare sowie das Filmprogramm waren sehr gut besucht und wir haben durchweg positives Feedback erhalten. Zwei Fotoausstellungen über Gandhi haben wir nach Kolumbien, Kalifornien, New York und Berlin ausgeliehen. Der gute Kontakt zur Familie Gandhis hat dazu geführt, dass wir im letzten Jahr die beiden Enkelinnen des Mahatma, Tara Gandhi Bhattacharjee aus Delhi und Ela Gandhi aus Südafrika, zu Gast hatten.

Gosalia: Wie oft besuchen Sie Indien? Haben Sie Kontakte zu Jugendgruppen in Indien? Welchen Eindruck haben Sie von den jungen Indern und deren Einstellung zu Gandhis Ideen?

Rühe: Ein- bis zweimal im Jahr besuche ich Indien. Insgesamt habe ich auf zahlreichen Aufenthalten über 6 Jahre in Indien verbracht und dabei natürlich auch Kontakt zu Jugendlichen und Jugendgruppen bekommen. Wir führen ja selbst ein internationales Jugendprojekt durch: Die Gandhi-Brücke der Verständigung. Gemeinsam mit Partnerorganisationen in Indien werden dafür regelmäßig Malwettbewerbe durchgeführt unter dem Motto Mahatma Gandhi - wie ich ihn sehe, um die 10 bis 18-jährigen Schüler und Schülerinnen anzuregen, sich mit Gandhi und der Bedeutung seiner Lehren für die heutige Zeit auseinander zu setzen. Diese Bilder werden dann mit Hilfe der deutschen Botschaft in Neu-Delhi nach Berlin geschickt und in Deutschland und anderen Ländern ausgestellt. Dort haben Kinder und Jugendliche gleichen Alters die Möglichkeit den jungen indischen Künstlern zu schreiben und sich über das Bild, Gandhis Lehren oder die unterschiedlichen Kulturen auszutauschen. Dieses Jugendprojekt dient der Überwindung von religiösen und kulturellen Vorurteilen und soll helfen, die jeweils andere Kultur - aber auch die eigene - besser zu verstehen. Für u.a. dieses Projekt wurde die GandhiServe Stiftung als Culture of Peace Actor von der UNESCO anerkannt. Wir suchen übrigens noch Partnerschulen in Deutschland und anderswo, die bereit sind, Gandhi im Unterricht zu behandeln und ihren Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit zu geben, mit den gleichaltrigen indischen Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten.
Abgesehen von dem wachsenden Interesse indischer Schüler und Schülerinnen an unserem Projekt, habe ich den Eindruck, dass junge Menschen - in Indien und anderswo - ein Interesse für Gandhi entwickeln, wenn sie angemessen und hinreichend über sein Leben und Wirken informiert werden. Die Wünsche, Träume und Hoffnungen der jüngeren Generation sind, insbesondere mit zunehmender Globalisierung, überall ähnlich. Sie bieten einen guten Ansatz für Gandhis Ideen und Ideale, denn diese beinhalten Werte, die von Modetendenzen und Marktstrategien weder beinflusst noch beinflussbar sind und nach denen wir - wenn wir ehrlich sind - alle streben, so auch die jungen Leute in Indien. Im Wesentlichen durch die fortschreitende Verwestlichung Indiens erfährt Gandhi in vielen sozialen Aktionsgruppen, in denen auch Jugendliche und junge Erwachsene engagiert sind, eine Renaissance, die in den nächsten Jahren noch erheblich zunehmen wird. Zahlreiche Initiativen mit vorwiegend jungen Mitgliedern engagieren sich vorbildlich im Sinne Gandhis für eine bessere Mitwelt ohne sich notwendigerweise auf ihn zu berufen oder das der Name Gandhi im Namen der Organisation auftaucht. Es ist wichtig, dass seine Ideen auf die heutige Situation übertragen und zeitbezogen angewandt werden. Da wird gerade bei den jüngeren Initiativen in Indien häufig gute Arbeit geleistet.

Gosalia: Herr Rühe, Sie nehmen regelmässig an internationalen Konferenzen über Gandhis Gedanken zu gewaltfreiem Widerstand, Toleranz, ganzheitlicher sozio-ökonomischer Entwicklungund sozialer Gerechtigkeit teil. Zuletzt waren Sie in Neu-Delhi anlässlich der Global Convention on Peace and Nonviolence, die vom 31. Januar bis 1. Februar stattfand. Welchen Eindruck haben Sie von dieser aussergewöhnlichen Veranstaltung mitgenommen?

Rühe: Es war in der Tat beeindruckend zu sehen, wie sich Richard von Weizsäcker und zahlreiche andere ehemalige Premierminister und Staatspräsidenten hinter die Ideen Gandhis gestellt haben und sie als einzigen Ausweg aus der ökologischen und sozialen Katastrophe sehen, der wir mit atemberaubender Geschwindigkeit entgegensteuern.

Gosalia: Welche Aktivitäten führen Sie in diesem Jahr durch?

Rühe: Von Januar bis März haben zahlreiche Malwettbewerbe im Rahmen unseres internationalen Jugendprojekts Die Gandhi-Brücke der Verständigung in Indien stattgefunden. Die Bilder werden nun in mehreren Schulen in Deutschland ausgestellt und das Thema im Unterricht behandelt. Im Februar hat die GandhiServe Stiftung die Cinema for Peace Gala in Berlin tatkräftig unterstützt, zu der viel internationale Prominenz kam. So konnten ca. 300.000 Euro zugunsten von UNICEF und amfAR (American Foundation for AIDS Research) gesammelt werden. Im Oktober habe wir in Zusammenarbeit mit der Indischen Botschaft in Berlin, der Mahatma-Gandhi-Oberschule und anderen Einrichtungen eine Veranstaltungsreihe zum Thema Gandhi. Ich hoffe auch, dass wir in diesem Jahr Förderungen für unsere geplanten Forschungsprojekte erhalten.

Gosalia: Haben Sie engere Kontakte zu den beiden grossen Organisationen in Indien - Gandhi Peace Foundation und Gandhi Smriti & Darshan Samiti? Wie ist die Resonanz in Indien auf Ihre Aktivitäten im Rahmen der GandhiServe Stiftung? Betrachten Sie inzwischen Indien als Ihre zweite Heimat?

Rühe: Bei der Aufzählung dürfen Sie den Gandhi Memorial Trust nicht vergessen, der über 2.000 Filialen in Indien hat und massgeblich zur Aufrechterhaltung von Spinn- und Webeinrichtungen auf den Dörfern beiträgt. Diese sind - auch heute noch - von enormer Wichtigkeit für die vorwiegend sich im unteren Fünftel der Einkommensskala befindenden Dorfbevölkerung. Die Kontakte zu den indischen Gandhi-Einrichtungen sind gut und - dank E-Mail - auch sehr lebendig. Die Arbeit der GandhiServe Stiftung wird weltweit, so auch in Indien, sehr geschätzt. Insbesondere im Medienbereich kann die Stiftung anerkannterweise dazu beitragen, dass Gandhi nicht als ein Mann der Vergangenheit angesehen wird. Unsere Arbeit trägt zur Erkenntnis bei, dass Gandhi ein Visionär war, der die Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, vorhersah und auch Lösungsansätze zur Behebung dieser Probleme aufzeigte. Deshalb ist es wichtig, den von ihm geprägten Satz Mein Leben ist meine Botschaft ernst zu nehmen und ein eingehendes Studium seines Lebens und Wirkens zu inspirieren. Da dieses das Anliegen der meisten Gandhi-Organisationen in und ausserhalb Indiens ist, arbeiten wir eng zusammen and tauschen regelmässig Informationen und Materialien aus. Indien ist in der Tat zu meiner zweiten Heimat geworden. Das Land, mit all seinen Widerspüchen, und die Menschen, denen ich begegnet bin, sind mir sehr Nahe und haben mir viel gegeben. Ich möchte die vielen Freundschaften und vor allem den engen Kontakt zur Familie von Mahatma Gandhi nicht missen.

Vielen Dank, Herr Rühe.

Kontakt:

GandhiServe Stiftung
Rathausstraße 51a
12105 Berlin

Tel: 030 - 7020 6374 / 705 4054
Fax: 030 - 7020 6373 / 705 4054

E-Mail: mail at gandhimail.org
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