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Gita
Dharampal-Frick (Südasien-Institut, Universität Heidelberg) Der andere 11. September: 100 Jahre Satyagraha (Vortrag in der Indischen Botschaft am 15. September
2006) Die
Moderne steht im Zeichen aufklärerischer Kategorien wie Rationalität, säkularer
Fortschritt, Individualismus und Humanismus und bezieht ihren Impetus
insbesondere aus der Entwicklung von Wissenschaft und Technologie. Aber die
„moderne Welt“ wurde auch zum Schauplatz von Imperialismus, Militarismus und
der gleichzeitigen Ausbeutung großer Teile der Welt. Teilweise in Reaktion auf
diese historischen Kräfte brachte das 20. Jahrhundert eine Reihe sozialer
Bewegungen hervor, die sich der Tendenz zu gewaltsamer Konfrontation,
Terrorismus und Bürgerkrieg widersetzten. Mahatma Gandhi, einer der
einflussreichsten Kritiker der industriellen Moderne, wurde zum Inbegriff
solcher Strategien. In der Tat gilt er selbst als Leitfigur gleich dreier
bedeutender Revolten des 20. Jahrhunderts, nämlich des Aufbegehrens gegen den
Rassismus, der Erhebung gegen den Kolonialismus und der Ablehnung politischer
Gewalt. Es ist daher von großer symbolischer Bedeutung, daß das Datum des 11. September 1906, also der nine-eleven vor genau hundert Jahren, die Geburtsstunde des Satyagraha (mit Gandhi als seinem wichtigsten Geburtshelfer) markierte, die mitten in der Hochblüte von Kolonialismus und Imperialismus die Hoffnung entstehen ließ, der Teufelskreis von wirtschaftlicher, politischer und kultureller Gewalt lasse sich auf gewaltlose Weise und durch den Appell an die Instanz des moralischen Bewusstseins durchbrechen. Gandhis letztes (wenngleich utopisches) Ziel bestand in der Stärkung der Schwachen; seine Botschaft wollte die Menschen vereinigen und das Verständnis zwischen Regierenden und Regierten/Herrschenden und Beherrschten befördern. Könnte es also sein, dass – durch eine merkwürdige Laune des historischen Zufalls – nicht einer, sondern zwei (durch fast ein Jahrhundert voneinander getrennte) nine-elevens die äußerst entgegengesetzten Optionen der Moderne repräsentieren? Als konträre Zäsuren der Geschichte stehen der 11. September 2001 und der 11. September 1906 einander diametral gegenüber und fordern sich wechselseitig heraus: Auf der einen Seite erzählt (wie hier das Zitat von Gilbert Murray) der frühere 9/11 die Geschichte einer Emanzipation aus dem Bannkreis von Furcht, Haß und Aggression und konstituiert in dieser Widerständigkeit eine Vision von befreiender Kraft. Auf der Gegenseite setzt der 9/11 des Jahres 2001 die Spirale von Gewalt und Gegengewalt in volle Geltung, etabliert ein neues Niveau von Instabilität und Gefährdung, lässt neue Formen autoritärer Machtausübung entstehen und unterhöhlt mit alledem die Fundamente einer wahrhaft demokratischen Ordnung, nämlich Gerechtigkeit und Freiheit. Wie unpassend eine solche Gegenüberstellung auf den ersten Blick auch erscheinen mag, so haben sich doch – beim Versuch, den traumatischen Schock des 9/11 zu bewältigen – am fünften Jahrestag dieses schrecklichen Ereignisses viele Amerikaner und politisch nachdenkliche Bürger in der ganzen Welt bewusst auf das Jubiläum der hundertsten Wiederkehr jenes 11. September von 1906 besonnen, um aus Gandhis Satyagraha womöglich die Inspiration für einen Bewusstseinswandel zu gewinnen und den 9/11 aus einem Datum der Verzweiflung und der Rache in einen Tag der Heilung und des Friedens zu verwandeln (wohl darum wurde an 32 Schauplätzen in den USA Attenboroughs Gandhi-Film gezeigt, unter anderem auch im Regal Theatre in New York, auf der gegenüberliegenden Straßenseite von Ground Zero). In gewisser Weise lässt also gerade die historische Koinzidenz dieser beiden diametral entgegengesetzten 11. September die Dringlichkeit hervortreten, die scheinbar erloschene Macht der Gewaltlosigkeit wieder zu beleben und so womöglich einen Paradigmenwechsel auf der zeitgenössischen politischen Tagesordnung herbeizuführen. Als Historikerin mit einem Sinn für ethische Maßstäbe und Verantwortlichkeiten möchte ich betonen, dass sehr viel darauf ankommt, welche Ereignisse wir auswählen und in ihrer geschichtlichen Bedeutsamkeit herausstellen und welche anderen Begebenheiten wir zu ignorieren oder doch für weniger bedeutend zu halten beschließen. Denn indem wir unsere Geschichte, die Geschichte unserer Gesellschaften und Kulturen. in dieser oder jener Weise erzählen, tragen wir zugleich zur kollektiven Bewusstseinsbildung bei und beeinflussen damit in ganz wesentlichem Grad das Weltverständnis und die Handlungsweisen von Individuen und Kollektiven in Gegenwart und Zukunft. Anstatt mich nun jedoch ausschließlich auf dieses besondere Datum zu konzentrieren (für das wir durch den permanenten Medienbeschuß wohl bis zu einem gewissen Grad taub geworden sind), möchte ich mit Ihnen jedoch die Genese des Satyagraha-Denkens etwas genauer verfolgen, das Gandhi selbst ausdrücklich als einen Prozess verstand … und möchte zunächst kurz erläutern, warum gerade Gandhi berufen schien, dieses Konzept zu propagieren. Um aber nicht einfach zu wiederholen, was von vielen kompetenten Autoren (darunter Michael Nagler, dem amerikanischen Friedensforscher, dessen Buch hier ausgestellt ist) über die philosophischen Grundlagen des Satyagraha festgestellt worden ist … und weil Peter Rühe mich überdies gebeten hat, mein Augenmerk vor allem auf den historischen, biographischen und kulturellen Aspekt des Phänomens zu richten, möchte ich also zunächst die kulturelle Entstehungsgeschichte von Gandhis Strategie der Gewaltlosigkeit näher betrachten und vielleicht ein paar neue Einsichten dazu beisteuern. Und da Gandhis Botschaft im gegenwärtigen politischen Denken und im Bewusstsein der heutigen allgemeinen Öffentlichkeit (die Anwesenden natürlich ausgenommen!) keine große Rolle mehr zu spielen scheint, ja mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist, will ich im zweiten Teil meines kurzen Vortrags zumindest an die überragende mediale Bedeutung erinnern, die Gandhi, seinem Denken und Tun über vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hindurch, von 1906 bis 1948, zuwuchs, zunächst in Südafrika, dann in Indien und schließlich in den Augen einer globalen Öffentlichkeit … und ich erinnere daran durch die prägnante Anschauungshilfe einer kleinen Serie von politischen Cartoons, die, wie wir alle wissen, ein besonders probates Mittel sind, um komplexe politische Konstellationen auf einen pointierten Nenner zu bringen. “I have merely
given expression to the thoughts that were dormant within the hearts of the
Indian people”: Diese Einschätzung,
dass er also nur die Gedanken ausgedrückt habe, welche die indische Bevölkerung
im Herzen trug, äußerte Gandhi, als er
in den 1930er Jahren gefragt wurde, wie es ihm gelungen sei, den Inderinnen und
Indern, die doch durch fast 150 Jahre britischer Herrschaft und die
unterwürfige Haltung vieler ihrer eigenen Repräsentanten geschwächt und
demoralisiert gewesen seien, ein neues Selbstbewusstsein einzuimpfen. Ich stelle dieses berühmte Statement nicht
nur als respektvolle Hommage an unseren Versammlungsort, die indische
Botschaft, heraus, sondern benütze es auch als einen ersten Zugang zur tieferen
kulturellen Bedeutung und den mannigfachen Implikationen des Kernprinzips des
Satyagraha (von dem Sie hier eine kurze Definition lesen können:
Gandhi verstand Satyagraha als die
Philosophie und praktische Methode des gewaltfreien Widerstands, und das obige
Zitat unterstreicht, mit welchem Geschick Gandhi es verstand, dem historischen
Unbewussten einer ganzen Nation zum kollektiven Ausdruck zu verhelfen. Wie
Gandhi erklärte, bedeutet der Terminus buchstäblich „nach der Wahrheit streben
oder mit der Wahrheit ins Reine kommen“, unterstreicht damit also den
prozessualen Geschehens- und den aktiven Bemühenscharakter des Vorgangs. In
Übereinstimmung mit der Sanskrit-Etymologie verstand Gandhi die Wahrheit/satya
zugleich (und vielleicht sogar in erster Linie) im Sinne des „Wirklichen“ (im
Gegensatz zum Nicht-Existenten) und des „Guten“ im Gegensatz zum „Bösen“ oder
„Schlechten“. Um zu betonen, dass Satyagraha als eine lebendige Kraft tief im
kulturellen Ethos Indiens verwurzelt ist, wurde Gandhi nicht müde, immer wieder
drei weitere grundlegende indische Konzepte oder Praktiken zu betonen, die
diesem Ethos in gleicher Weise fundamental zugehören, nämlich: ahimsa (oder Gewaltlosigkeit), tapas
(die Selbstaufopferung) und yagna (etwa im übertragenen Sinne: pflichtbewusstes
Handeln). Gandhis tiefe Überzeugung und Verpflichtung gegenüber diesen Konzepten stammten zu einem bedeutenden Teil aus seiner eigenen kulturellen Prägung und familiären Erziehung. Es genügt, sich an seine eigene Schilderung in der autobiographischen Schrift „My Experiments with Truth“ zu erinnern, wo er folgende grundlegende Einflüsse und Weichenstellungen festhält: den moralischen Mut seines Vaters und dessen Betonung einer Haltung der Wahrhaftigkeit; die vishnuitische Frömmigkeit seiner Mutter mit ihrem starken Akzent auf dem Mitleid mit den einfachen Leuten und auf der Fürsorge für die Armen, aber auch mit der ausgeprägten Praxis des Fastens, mit geduldigem Leiden und einem pflichtgemäßen Handeln nach den Prinzipien von tapas und yagna; schließlich die Ergebenheit und Hingabe seiner Frau Kasturba im Verein mit ihrer Charakterfestigkeit und Entschlusskraft. (Tatsächlich war es die Charakterstärke seiner Mutter und seiner Frau, die für Gandhi zum Inbegriff für die Kraft der Frauen wurde, in denen er bald überhaupt die geborenen Vertreterinnen des Satyagraha sah, wie er viele Jahre später mit großer rhetorischer Emphase eingestehen sollte: „Has she (i.e. woman) not got greater intuition, is she not more self-sacrificing, has she not greater powers of endurance, has she not greater courage?“ (Frei übersetzt also: „Verfügt die Frau nicht über die größere Einfühlungsgabe und über ein höheres Maß an Opferbereitschaft, ist sie nicht viel ausdauernder und zugleich viel mutiger?“). Nicht zuletzt wurde Gandhi in diesen Positionen durch den Jainismus im synkretistischen Zusammenwirken mit den hinduistischen Gebräuchen seines Heimatstaates Gujarat beeinflusst, die den Gedanken des Nicht-Tötens oder der ahimsa in den Rang eines obersten Ideals erhoben. Obwohl also Gandhi, wie Sie wissen, den Begriff “Satyagraha” prägte (der im übrigen auch noch durch das geläufige Konzept des syadvad beeinflusst wurde, also durch die Lehre, dass alle Auffassungen von der Wahrheit partiell sind), schuf er damit doch nichts vollkommen Neues: Nicht nur bewegte er sich damit in großer begrifflicher Nähe zu fundamentalen Überlieferungen der indischen Kultur, vielmehr knüpfte er auch mit der Praxis des gewaltlosen Widerstandes an Traditionen der indischen Gesellschaft an, von denen er selbst sagte, sie seien „as old as the hills“, „so alt wie die Berge“, doch sei ihr öffentlicher Gebrauch mit der Zeit verloren gegangen. In seiner Programmschrift Hind Swaraj von 1909 räumte Gandhi ein, er habe sich durch Erzählungen aus seiner Jugendzeit über örtliche Bauernproteste in Kathiawar (das Sie hier auf der Karte sehen: inspirieren lassen, einem Gebiet, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Herrschaft lokaler Prinzen stand und von der Kolonialpolitik nur marginal tangiert wurde; entsprechend sei das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten dort ausgeglichener gewesen, habe Spielräume der gewaltlosen Konfliktbewältigung eröffnet und insgesamt ein politisches Klima der Vermittlung und des Kompromisses begünstigt. Es war die von einfachen Indern noch immer als tief moralisches Recht empfundene, aber nicht länger praktisch ausgeübte Lizenz zum Widerstand gegenüber ungerechten Maßnahmen der staatlichen Autoritäten, das Gandhi unterstrich und in modernen politischen Kontexten wiederzubeleben suchte. Das soll nun freilich nicht heißen, dass Gandhi sich nicht auch auf die
Autorität anderer Befürworter von passivem Widerstand und zivilem Ungehorsam
wie Thoreau und Tolstoj berufen hätte – natürlich tat er das. Die Inspiration,
die er aus ihren Schriften bezog, diente ihm jedoch in erster Linie als
Bekräftigung eigener Überzeugungen, die er aus den kulturellen Traditionen
Indiens ableitete. In ähnlicher Weise nutzte Gandhi die enge Affinität, die er
zwischen der Lehre des Satyagraha und der christlichen Mitleidsethik nach dem
Vorbild der Bergpredigt herstellte, um die universelle Geltung und die
inter-religiöse Attraktivität dieser Wahrheitskraft oder Seelenkraft zu
unterstreichen und auf diese Weise Verbindungen zwischen üblicherweise für
getrennt angesehenen Kulturen zu knüpfen. Die Ausübung wahrer Religiosität galt
ihm dabei als ein Mittel, um interkulturelle Verstehensbrücken zu schlagen
(dies gegen die militante Vorstellung eines „clash of civilizations“) – und
diese Verständigungsleistung sollte nach Gandhis Auffassung ohne Preisgabe der
eigenen kulturellen und religiösen Identität möglich sein. Man darf jedoch annehmen, daß auch Gandhis Persönlichkeit und Lebenslauf zur Ausbildung seines Satyagraha-Ethos beitrugen: Vor allem war es wohl seine kulturelle Selbstsicherheit, die sich aus dem Umstand speiste, dass er als Sohn eines Diwan(s) (oder Ministers) in einem indischen Prinzenstaat in der Ausbildung seines Selbstbewusstseins und seiner Selbstachtung nicht durch jene Unterwürfigkeit der Kolonisierten behindert wurde, die sonst als ein so charakteristischer Zug der indischen Elite des ausgehenden 19. Jahrhunderts erscheint; dies im Zusammenwirken mit seiner intellektuellen Neugier, seinem Abenteuergeist und vor allem seiner enormen Willenskraft versetzte ihn in die Lage, sich auch während der drei Jahre seines Jura-Studiums in London (von 1888 bis 1891) nicht nur irgendwie zu behaupten, sondern seine eigene kulturelle Identität in dieser Zeit sogar noch zu befestigen. (Mit dieser Einschätzung mag ich mich von den meisten Interpreten von Gandhis früher Karriere unterscheiden, aber Gandhis eigenes Zeugnis spricht für diese Auffassung). Dieses gefestigte Identitätsgefühl befähigte Gandhi auch dazu, ohne langes Zögern die Stelle als Rechtsberater für eine muslimische Firma in Durban, Südafrika, anzutreten, wo er im Jahr 1893 ankam. Und es sollte eben dieser Aufenthalt in Südafrika werden, der ursprünglich nur ein Jahr hätte dauern sollen, zu dessen Verlängerung auf 22 Jahre sich Gandhi aber verpflichtet fand, um das ungerechte Herrschaftssystem des Empire zu bekämpfen … es war dieser lange Aufenthalt in Südafrika, der ihn in harten Lehrjahren zu einem wahren satyagrahi umformen sollte. An mehreren Scharnierstellen dieser Geschichte hätte Gandhi aufgeben und nach Hause gehen können! Der bekannteste Vorfall ereignete sich dabei schon eine Woche nach seiner Ankunft im Mai 1893, als er, im Dienste seines muslimischen Klienten nach Pretoria unterwegs, aus dem Zug geworfen wurde, weil er den Platz in einem Erster-Klasse-Abteil für sich beanspruchte, für den er ein gültiges Ticket besaß. Dieser persönliche Affront wurde zum Auslöser der – nach Gandhis eigener Aussage – „kreativsten Nacht seines Lebens“, in der er im kalten Bergbahnhof von Pietermaritzburg beschloß, seine Wut zu überwinden und seine Aufmerksamkeit statt dessen auf die viel umfassenderen Fragen der Rassenvorurteile, der Ungerechtigkeit und der Ausbeutung zu richten, wie sie seinen (gerade einmal 100.000) indischen Landsleuten in Südafrika von Seiten der europäischen Kolonialherren widerfuhren. Denn nach seinen Prinzipien hielt Gandhi es für seine Pflicht, den juristischen Kampf aufzunehmen und für die Ausrottung jener – wie er sagte – „tiefsitzenden Krankheit des Rassenvorurteils“ zu streiten (wobei er mit seiner Rede von dem „deep disease of colour prejudice“ geschickt das kolonialistische Klischee umkehrte, das gerade die Asiaten als rückständig und krank (diseased) zu porträtieren liebte). In diesem Widerstand legte Gandhi eine große Effizienz und ein bemerkenswertes Organisationstalent an den Tag, indem er zuerst eine vorsichtige und schrittweise Kampagne gegen die Unterdrückung des Wahlrechts der indischen Kaufleute in Natal lancierte, dann 1894 zügig den Natal Indian Congress ins Leben rief (der übrigens als eine der ersten politischen Organisationen der Welt auch eine Anzahl weiblicher Mitglieder aufnahm und später zum Vorbild für den African National Congress werden sollte); Gandhi war dann verantwortlich für die erste Petition, die jemals durch eine Gruppe von Indern bei einem südafrikanischen Parlament eingereicht wurde. 1903 begründete er mit der Indian Opinion die erste seiner vielen Zeitschriften, die in Tamil, Hindi, Englisch und Gujarati erschien und in deren Spalten er sich leidenschaftlich für die sich abzeichnenden Veränderungen in den globalen Machtkonstellationen interessierte, wie insbesondere seine Artikel über den aufsehenerregenden Sieg der Japaner gegen die russische Militär- und Seemacht, über die nachfolgende Russische Revolution von 1905 oder über die Swadeshi-Bewegung in Bengalen zeigen, aus deren Aktivitäten er scharfsichtige Lektionen für seine eigene politische Strategie ableitete. In dieser Periode baute er auch seinen ersten interkulturellen Ashram in Phoenix (in der Nähe von Durban) auf, ein sozialistisches „Zurück-zur-Natur“-Experiment mit allerdings ausgeprägt spiritueller Komponente und von fraglos großer Ausstrahlung auf spätere Kommunen mit betont antiautoritärer Tendenz. Weit davon entfernt, zum asketischen Einsiedler zu werden, blieb Gandhi jedoch in engem Kontakt mit den politischen Entwicklungen in Indien wie auch in der kolonialen Metropole; zu verschiedenen Malen reiste er in politischen Missionen nach Indien und nach London. Es war jedoch das brutale kolonialistische Massaker während des Zulu-Aufstandes von 1906 in Natal, das ihn im Innersten erschütterte und ihn – einen Familienvater von 4 Söhnen – dazu veranlasste, im Juli 1906 das Keuschheitsgelübde eines brahmacharya abzulegen, damit er, in seinen eigenen Worten, seine gesamte Energie in den Dienst der Menschheit stellen könne. Dieser Wechsel seines Lebensstils bedeutete mit Sicherheit eine verstärkte Hinwendung zu einem intensiven gesellschaftlichen und politischen Engagement unter den Leitvorstellungen von Moralität und Gerechtigkeit. Dann, im August 1906, erließ die von der Buren-Bevölkerung dominierte Regierung von Transvaal unter dem Premierminister General Louis Botha und mit General Smuts als Colonial Secretary den Entwurf eines Asiatic Law Amendment Ordinance (das bald auch als Black Act bezeichnet wurde), also einer Gesetzesverordnung, die darauf zielte, die indische Einwanderung scharf zu begrenzen, ja, die Inder sogar insgesamt zu vertreiben. Diese Karikatur zeigt die asiatische Einwanderung im Bild eines Tigers, der den Weg zu einer „weißen Zivilisation“ blockiert, was die Transvaal Ordinance mit Gewalt zu unterbinden trachtet – Gandhi suchte dem erschreckenden Maß an Furcht, Gewaltbereitschaft und Unmenschlichkeit, das diesem Szenario innewohnte, mit einer ausgedehnten Pressekampagne und der disziplinierten und in gesitteten Bahnen verlaufenden Mobilisierung der indischen Bevölkerungsgruppe zu begegnen. Der allen Indern über 8 Jahren zwangsweise abgenommene Fingerabdruck setzte diese auf eine Stufe mit Kriminellen; hier sehen Sie die pointierte Sicht der anderen Seite: Fingerprint-Question: Der Kolonialbeamte zur Linken sagt: “if you feel aggrieved over these finger-prints, how do you think I feel?” (Etwa: “Wenn diese Fingerabdrücke Sie stören, was glauben Sie wohl, wie ich mich fühle?“) Wie dieser Cartoon zeigt, richteten sich Gandhis Bemühungen darauf, die übertriebene Furcht der Kolonialregierung zu mildern, Südafrika könne durch die Asiaten förmlich überrannt werden.) Am 11. September versammelten sich 3.000 Inder, sowohl Hindus wie Moslems, Händler wie Coolies, im Empire Theater von Johannesburg (das übrigens unter jüdischem Management stand), um in Anwesenheit geladener Regierungsvertreter darüber zu diskutieren, wie dieser Maßnahme zu begegnen sei. In Anlehnung an traditionelle Methoden des Protests, wie er sie aus seiner Heimat Gujarat kannte, rief Gandhi zunächst alle Anwesenden dazu auf, dem vorgeschlagenen Gesetz Zustimmung und Kooperation zu verweigern, und zwar unabhängig von den Strafen, die auf dieses Delikt verhängt werden würden. Dann – so berichtet Gandhi in seinem Buch “Satyagraha in South Africa” – sei zu seiner Überraschung ein muslimischer Geschäftsmann, Seth Haji Habib, aufgesprungen und habe erklärt, dass die Resolution „mit Gott als Zeugen“ verabschiedet werden müsse, dass Inder sich niemals feige unter ein solches Gesetz beugen würden. Diese geistliche Selbstverpflichtung durch einen Moslem beeindruckte Gandhi und gab ihm den Gedanken ein, seinen Eid mit einem religiösen Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit zu bekräftigen, dem sich alle versammelten Inder feierlich anschlossen. Daß die nachdrückliche spirituelle Dimension dieser ersten massenhaften Gewaltlosigkeitskampagne in Süd-Afrika durch einen Moslem initiiert wurde, ist etwas, woran man sich heute ruhig erinnern darf. Und in der Tat darf man den islamischen Einfluß auf Gandhis Definition des Satyagraha als eines spirituellen Kampfes gegen strukturelle Gewalt nicht unterschätzen. (Das Bild Gandhis als eines Sprechers für einen Jihad der inneren, spirituellen Spielart würde unsere Klischeevorstellungen über den Islam in der Tat mächtig erschüttern). Davon abgesehen, waren es Gandhis Organisationsgenie und sein Charisma, die ihn dazu befähigten, der amorphen und bis dahin zur Unterwürfigkeit neigenden Masse indischer Immigranten Selbstvertrauen und einen auf dem Gefühl persönlicher Würde basierenden Selbstrespekt zu vermitteln, um sie auf diese Weise zu einer einheitlichen indischen Gemeinschaft zusammenzuschweißen und zum entschlossenen Widerstand gegen die ungerechten Maßnahmen der Regierung zu bewegen. Bei alledem wurden unablässig die bleibende Offenheit für Verhandlungen und die Notwendigkeit gutnachbarlicher Beziehungen mit den Europäern in Südafrika betont. Daß diese Botschaft einer von Würde getragenen Entschlossenheit verstanden wurde und eine außerordentliche Wirkung entfaltete, zeigt der folgende Cartoon mit seinen komischen Konnotationen: “Passiver Widerstand im Transvaal: Die Dampfwalze gegen den Elefanten“ mit der Unterschrift: the elephant [das heißt die indische Bevölkerungsgruppe unter Gandhis Führung] sat tight; the steam roller exploded”) Tatsächlich musste die Dampfwalze einsehen, dass sie, als Gandhis Satyagraha-Kampagne an Dynamik gewann, gegen die vereinte und beharrliche Macht der indischen community, die hier durch den Elefanten symbolisiert wird, der ihr den Weg versperrt, nichts auszurichten vemochte. Dabei ist besonders wichtig, dass die Atmosphäre der Furcht, die in den vorhergehenden Cartoons noch dominiert hatte, ganz verschwunden zu sein scheint; genau darin bestand immer eine von Gandhis Hauptabsichten. Der gewaltfreie Widerstand in verschiedenen Formen hielt viele Jahre hindurch an, musste mehrfache Rückschläge hinnehmen und ging mit zahlreichen Verhaftungen einher; zugleich gewann er große öffentliche Aufmerksamkeit und inspirierte sogar Theateraufführungen in Südafrika, wie die folgende Cartoon-Szene mit dem Titel: “The desperado and the passive resister” zeigt:
Dargestellt ist der hohe moralische Grund des satyagrahi Gandhi, dessen selbstgewisse Würde die Repräsentanten von law & order, deren Illegitimität mehr als deutlich unterstrichen wird, vollkommen vor den Kopf stößt. In der Tat scheint Gandhis Botschaft vom Unrechtscharakter des staatlichen Regimes angekommen zu sein! Aber der Kampf war nicht einfach, denn am 16. August 1908, nachdem General Smuts sein Versprechen zur Aufhebung des Black Act gebrochen hatte, organisierte Gandhi die öffentliche Verbrennung von mehr als 2000 amtlichen Registrierungs-Urkunden vor der Hamidia-Moschee in Johannesburg. Das war das erste von vielen derartigen Feuern in seiner politischen Laufbahn, und eine britische Publikation verglich die Aktion mit der Boston Tea party von 1773, bei der die amerikanischen Kolonien das Recht der britischen Krone bestritten, Steuern über sie zu verhängen – allein der Vergleich zeigt, welche politische und historische Bedeutung Gandhis Aktionen zugeschrieben wurde.
Playing with Fire, unterstreicht Gandhis kindliches Vergnügen am Zündeln – die Gefahren einer größeren Explosion der öffentlichen Meinung werden deutlich, und dies zum Schaden des Empire, aber mit hohem Risiko auch für Gandhi selbst. Tatsächlich stießen die anarchischen Züge in Gandhis Satyagraha immer wieder auf furchtsame und ablehnende Reaktionen. Gandhi wurde jedoch nicht nur für einen politischen Hasardeur gehalten, sondern meist zugleich für einen Mann mit unwandelbaren Prinzipien und einem unermüdlichen Engagement für die Sache der unterdrückten Kulis und der indischen Händlerkolonie, und eben dies rief in Regierungskreisen ein wirkliches Aufsehen und implizite Bewunderung hervor, wie sie im folgenden Kommentar von Lord Ampthill, dem ehemaligen Gouverneur der Madras Presidency, in einem Brief vom 10. August 1909 an General Smuts zum Ausdruck kommt: „Herr Gandhi streitet für ein Prinzip, das er für wesentlich hält. (...) Es
gibt nur wenige unter uns, die alles dafür aufgeben würden, um ein abstraktes
und unerreichbares Recht einzuklagen. Man kann nicht umhin, den Mann zu
bewundern, denn offensichtlich erkennt er keine höhere Instanz an als sein
eigenes Gewissen.“ 1909 erschien die erste Biographie Gandhis aus der Feder von Reverend
Joseph Doke, einem englischen Geistlichen in Südafrika, und machte Gandhi über
Südafrika hinaus berühmt, vor allem in Indien und England. Und im selben Jahr
fühlte sich Gandhi zu einem kraftvollen politischen Statement gezwungen, das er
auf Gujarati und Englisch unter dem Titel Hind
Swaraj (d.h. „indische Selbstregierung) veröffentlichte. Der Text, der als
Gandhis politisches Manifest gilt, formuliert eine harsche Kritik an der
westlichen Zivilisation und ihrer Wirkung auf Indien, während er zugleich an
der Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit festhält und doch auch scharfsichtig die
kolonisierten Inder dafür attackiert, dass sie sich in ihrer Opferrolle
eingerichtet haben, ja förmlich in ihr schwelgen. Alles in allem ein wirklich
revolutionäres Pamphlet! Gandhis letzte Kampfesjahre in Südafrika kulminierten aus Anlass des
Marsches der Bergarbeiter von Natal nach Transvaal im Oktober 1913, der zu
seiner letzten und relativ erfolgreichen Verhandlungsrunde mit General Smuts im
Juli 1914 führte. Nach Gandhis schließlicher Abreise kommentierte Smuts mit trockenem
Sarkasmus: „The saint has left our shores: I sincerely hope for ever!” – “Der
Heilige hat unsere Küsten verlassen: hoffentlich für immer!” Offenkundig war
Gandhi für Smuts ein respektierter, zugleich aber ein äußerst unbequemer
Gegner!
Bei seiner Rückkehr nach Indien im Januar 1915 wurde Gandhi von den
indischen Volksmassen wie ein Held empfangen; man hatte von seinen
leidenschaftlichen Kampagnen für mehr Gerechtigkeit gehört. Etwas gedämpfter
fiel die Reaktion der politischen und wirtschaftlichen Elite aus, die seine
radikalen Züge fürchtete, während die Kolonialbehörden hofften, sich seiner als
eines konzilianten Vermittlers bedienen zu können. Während
des 1. Weltkriegs waren die politischen Entwicklungen in Indien zum Stillstand
gekommen: Weder Verfassungsbegehren und politischer Protest noch gewaltsame
terroristische Aktionen hatten eine breite öffentliche Unterstützung gewinnen, die
Führer der Nationalbewegung einander annähern oder die Politik des Empire
mäßigen können. Satyagraha vollbrachte alle drei Ziele, teilweise deshalb, weil
Gandhi das Prinzip im Zusammenhang mit konkreten politischen Anliegen einsetzte,
etwa mit (so in Ahmedabad), mit Ausbeutungsverhältnissen auf den Indigo-Plantagen
(in Champaran), Steuererleichterungen für die Landwirtschaft (in Kheda) oder
mit unrechtmäßiger landesweiter Gesetzgebung (wie das Rowlatt Act), mit Zielen also, die die Massen für die
Nationalbewegung mobilisierten; teilweise aber auch, weil satyagraha tief verwurzelte kulturelle Werte in einem populären
Idiom ausdrückte, das von aufrichtigem persönlichem Engagement gegenüber den
unterdrückten Massen kündet. Für diese Anliegen zentral waren eine kraftvolle
Definition von Mut und eine im Medium der vertrauten Umgangssprache formulierte
Strategie der Konfliktlösung. Wie
kraftvoll Gandhi sich auszudrücken vermochte, um sein Engagement für die Sache
des gewaltfreien Widerstands verständlich zu machen und dafür zu werben, zeigt
etwa die folgende Bemerkung im Gefolge des Massakers von Amritsar:
“Let
it be remembered that violence is the keystone of the Government edifice. Since
violence is its sheet-anchor and its final refuge, it has rendered itself
almost immune from violence on our side by having prepared itself to frustrate
all violent effort by the people. We therefore co-operate with the Government
in the most active manner when we resort to violence. Any violence on our part
must be a token of our stupidity, ignorance and impotent rage. To exercise
restraint under the gravest provocation is the truest mark of soldiership. The
veriest tyro [i.e. novice] in the art of war knows that he must avoid the
ambushes of his adversary. And every provocation is a dangerous ambush into
which we must resolutely refuse to walk.”] “Erinnern wir uns daran, daß Gewalt der Eckstein des Regierungsgebäudes ist. Da Gewalt sein wichtigster Halt und seine letzte Ausflucht ist, hat es sich gegenüber Gewalt von unserer Seite nahezu immun gemacht, indem es sich darauf eingestellt hat, jeden gewaltsamen Versuch von seiten des Volkes zu frustrieren. Wir kooperieren daher auf das Alleraktivste mit der Regierung, wenn wir unsere Zuflucht zur Gewalt nehmen. Jegliche Gewalt von unserer Seite muß als Zeichen unserer Dummheit, Ignoranz und impotenten Wut verstanden werden. Unter der schärfstmöglichen Provokation Zurückhaltung zu üben, ist das wahrste Kennzeichen des Soldatentums. Noch der blutigste Anfänger in der Kriegskunst weiß, dass er die Hinterhalte seines Feindes vermeiden muß. Und jede Provokation ist ein gefährlicher Hinterhalt, in den hineinzulaufen wir uns aufs entschiedenste weigern müssen.“ Young
Daß
Gandhi sich als den General einer Armee von Satyagrahis betrachtete und in
diesem Sinne auf strikter Disziplin und Ordnung bestand, ist bekannt, und
dieses Bild wurde der Öffentlichkeit vermittelt, um die Aufmerksamkeit auf die
dramatisch-symbolische Aktion seines Salzmarsches zu lenken. In diesem tschechischen
fordert Gandhi mit seiner gewaltfreien Armee von 78 Freiheitskämpfern die
hochgerüstete Militärmacht des British Empire heraus. Nicht nur ist Gandhi dazu
imstande, ein ganzes Land zu mobilisieren, sondern sein unheimliches Talent für
mediale Inszenierung lässt das Publikum des gesamten Globus zu Zeugen dafür
werden, wie die Gewalttätigkeit eines repressiven Staates mutig ausgehalten werden
kann, und das selbst noch nach Gandhis Verhaftung. Dieser
amerikanische Cartoon “The Ghost walks
in India” zeigt den Geist des passiven Widerstands, der in Indien
marschierte, während Gandhi im Gefängnis saß, und das Gewissen der Briten schwer
bedrückte. Und
noch ein Cartoon „Gandhi in der
Löwenhöhle“, diesmal aus dem deutschen Simplicissimus,
zeigt Gandhi beim Anspinnen eines friedlichen Protests gegen Großbritanniens
Verweigerung der Selbstherrschaft gegenüber Indien, während die britischen
Herrscher in der Gestalt imperialer Löwen wütend und befremdet zusehen. Angestoßen
durch Viceroy Irwins Anerkennung von Gandhis politischer Gleichrangigkeit, aber
mit anschließender Repression der nationalen Bewegung zeigt der nächste Cartoon, der
im „Kladderadatsch“, einer sehr populären humoristischen Wochenschrift aus
Berlin, erschien, Indien als Elefanten auf seinem unaufhaltsamen Weg in die
Freiheit unter Gandhis Führung, einem Weg, der auch durch den verzweifelten
Versuch des britischen Establishments, ihn mit brutaler Gewalt zu unterbrechen,
nicht aufgehalten werden kann. Daß
Gandhis unglaubliche politische Statur (die es etwa möglich machte, ihn als
einzigen Abgesandten zu der Londoner Round-table-Konferenz zu entsenden) in den
westlichen Medien mit Erstaunen registriert wurde, wird etwa aus dem folgenden [20. Bild] Cartoon: “The Shirted and the
Shirtless” ersichtlich:
J.C.
Hill vom Auckland Star aus Neuseeland
zeigt eine Parade der weltweit wichtigsten Führerfiguren der verschiedenen
politischen Gruppierungen des Jahres 1931, die ihre unterschiedlichen
Ideologien und politischen Gesinnungen durch ihre verschiedenfarbigen Hemden
zum Ausdruck bringen, um angesichts eines barbrüstigen Mahatma ungläubig
auszurufen: “And he ain’t wearin’ any
bloomin’ shirt at all!”. Daß die
britischen Autoritäten sich mit ihrer Reaktion auf diesen Gegner und sein
populäres Charisma schwer tun, wird mit spitzer Feder in diesem Cartoon: Lord Willingdon’s dilemma
aufgespießt. Denn selbst wenn der eine Gandhi hinter Gefängnisgittern sitzt,
braucht sich der nächste Vizekönig, Lord Willingdon nur umzudrehen, um zu
finden, daß für den einen eingesperrten Gandhi tausend andere sich draußen zur
Stelle melden. Die Nation war durch Gandhi elektrisiert worden, und jetzt gab
es kein Zurück mehr. Und als das britische Kolonialreich dem faschistischen
Deutschland den Krieg erklärt, setzt Gandhi die liberale britische Rhetorik mit
verbalen Mitteln schachmatt, wie der Cartoon:
“Shock for the ‘Silent Column’” zeigt, indem er darauf besteht, dass es
kaum einen Unterschied gibt zwischen dem Nazismus und der Autokratie, die jetzt
Indien regiert. Gandhi hält hier das Banner der freien Rede hoch, während der
Vize-König Linlithgow, Churchill und der Staatssekretär Amery geknebelt sind.
Als
schließlich in den frühen 40er Jahren die Unabhängigkeit in Sicht kommt, zeigt
dieser Cartoon unter dem Titel „Room for
all“ Gandhis Großherzigkeit auf humorvolle Weise, indem er Gandhi sagen
lässt: „Lord Linlithgow wird uns dann fragen, ob er und seine Männer in Indien
bleiben könnten oder ob wir wünschen, dass sie das Land mit dem nächsten Boot
verlassen. Wir werden sagen: „Es gibt für Euch Leute keinen Grund zu gehen.
Indien ist ein ausgedehntes Land. Ihr und Euer Volk könnt bequem bei uns
bleiben, vorausgesetzt, ihr passt euch an die hiesigen Lebensverhältnisse an“ –
all dies getreu seinem Motto: „to fight evil, not the perpetrator“, „das Böse
bekämpfen, nicht den Täter“.
Und nun
muß ich mit einem letzten Cartoon zum Schluß kommen (und freilich war das, was
ich Ihnen vorführen konnte, nur ein winziger Ausschnitt aus einem sehr
umfangreichen Vorrat). Auf diesem Cartoon,
an dem viel Wahres sein mag, sitzt Gandhi auf dem Boden und ruft zu Martin
Luther King hinüber: “The odd thing
about assassins, Dr. King, is that they think they’ve killed you” – „das
Kuriose an Attentätern, mein lieber Dr. King, ist doch, dass sie glauben, sie
hätten einen umgebracht“. Lassen
Sie mich mit dem folgenden kurzen Fazit schließen: Wenn man von der lebendigen
Kraft und dem Potential des Satyagraha spricht, sollte man in Erinnerung
behalten, dass sein führender Vertreter Gandhi auch für die postmoderne Welt
auf erfrischende Weise gegenwärtig und zugänglich bleibt: Denn er forderte
traditionelle Sichtweisen heraus, durchbrach traditionelle Kategorien des
Denkens, suchte mit seiner Vorstellungskraft alle Bereiche des Lebens zu
erfassen und zu durchdringen und eröffnete dem menschlichen Denken und Handeln
neue philosophische und praktische Möglichkeiten. Und mit diesen Eigenschaften
fordert er auch uns auf, neu über Dinge nachzudenken, die wir für gewiß und für
stabil gegeben gehalten hatten. Die Art und Weise, in der seine gewaltlose
Waffe des Satyagraha sich in der heutigen Welt einsetzen lässt und
möglicherweise Hoffnung für die Zukunft gibt, wird der Gegenstand des Vortrags
von Herrn Dr. Wolfgang Sternstein sein, unseres deutschen Gandhi. |